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Die Suche nach dem Sinn – Dürfen Eltern diesen Weg überhaupt gehen? (16.05.2018)

Anfang der Woche endete das erste Darmstädter elterngartenBasecamp. In diesem fünfwöchigen Coachinprozess setzten sich Eltern während der Elternzeit mit der Frage auseinander, wie sie Arbeit und Familie nach der Elternzeit gut vereinbart werden können und in welche Richtung dieser Weg laufen soll. In der vorletzten Session ging es um die individuellen Visionen des zukünftigen Lebens und von welchen Ideen und Werten dieses getragen sein könnte. Aber auch welche eigenen Stärken man gerne einbringen würde.

Plötzlich rief eine Mutter laut aus, dass es doch unglaublich sei: Bisher immer zufrieden im Job würde sie nun – mit der Geburt des Kindes – alles in Frage stellen, weil es ihr plötzlich so Sinn-los vorkommen würde. Stattdessen hätte sie den starken Wunsch in Zukunft einen sinnstiftenden Job zu machen und nicht einfach nur Geld zu verdienen. Nach einem kurzen Moment fragte sie sich nachdenklich, ob sie die Frage nach der sinnstiftenden Tätigkeit denn überhaupt stellen dürfe, denn nun hätte sie ja ein Kind und auch Verantwortung für dieses.

Nach der Coachingsession habe ich noch lange über diesen Impuls nachgedacht, der ja nicht nur eine Erkenntnis darstellt, sondern auch ein gewisses Maß an Sorge und Zweifel widerspiegelt. Die Erkenntnis der Mutter ist absolut kein Einzelfall. Für viele Eltern, dass zeigen auch die Coachingprozesse bei elterngarten, sind unter anderem die Geburten der eigenen Kinder Ereignisse im Leben, die viele (Arbeits-)Routinen und bisherige Werte durcheinander wirbeln. Ich kenne das auch gut von mir selbst. Beim ersten Kind noch kaum spürbar, aber einige Zeit nach der Geburt meines zweiten Kindes konnte ich feststellen, dass viele Anteile meines bisher äußerst tragfähigen Beruf-Familien-Freizeit-Koordinatensystems plötzlich nicht mehr passten und ich mich nicht mehr so wohl fühlte. Und so geht es vielen Eltern – besonders Frauen – wenn sie über den Wiedereinstieg nach der Elternzeit nachdenken. Neben der Freude, ggf. allmählich nicht mehr ausschließlich nur mit Babythemen zu tun zu haben und wieder andere Arbeit zu leisten, wächst für manche auch eine große innere Unzufriedenheit und Unsicherheit. Der bisherige Job, die bisherigen Inhalte fühlen sich nicht mehr passend an, irgendwie ist man vielleicht auch ein bisschen ‚rausgewachsen‘. Und die Vereinbarkeitsmöglichkeiten? – Da ist noch Luft nach oben.

Weshalb tauchen diese Gedanken aber nun so häufig auf, wenn Menschen Eltern werden? Es hat wohl nicht nur etwas damit zu tun, dass viele Firmen Vereinbarkeit immer noch als individuelles Problem von Eltern markieren. Ich denke, es hat auch etwas damit zu tun, dass Elternzeit ja auch ein bisschen sozial anerkanntes Pause-Machen-Dürfen vom Erwerbsleben ist. Und in dieser Pause muss man sich – gezwungenermaßen durch das Kind – mit ganz neuen Blickwinkeln und Perspektiven beschäftigen. Denn es gilt nun, das Kind möglichst gut kennenzulernen, um sich angemessen um dessen Bedürfnisse kümmern zu können. Das ist zwar manchmal anstrengend, aber in der Regel auch absolut herzerwärmend und augenöffnend. Dazu macht man in der Regel viele neue Eltern-Bekanntschaften. Manche nervig und langweilig, aber meistens trifft man dabei auch viele inspirierende Menschen, die einem neue Perspektiven auf Arbeiten, Leben und Lieben zeigen. Neue Impulse, um in dieser Lebensphase noch mal über den eigenen Arbeitsalltag und die eigene Organisation von Arbeit & Freizeit sowie der eigenen Erfüllung Gedanken zu machen. Und zu überlegen, wie wir arbeiten wollen. Elternzeit ist damit auch häufig Wendezeit und Übergangszeit.

Und was die Frage der Teilnehmerin angeht, ob sie darüber nachdenken dürfe… Ich finde, darauf gibt es nur eine Antwort: Ja, wir dürfen! Als Mütter, als Väter, als Menschen. Wir dürfen immer die Frage nach der Sinnhaftigkeit unseres Tuns stellen und unsere eigene Zufriedenheit zu einer wichtigen Prämisse unseres Lebens erklären – die dann eventuell auch (beruflicher) Veränderungen nach sich zieht. Denn nur dann sind wir ganz bei uns und uns selbst achtsam gegenüber. Und dann können wir auch unsere Kinder zu Menschen erziehen, die achtsam ihren eigenen Bedürfnissen gegenüber sind und sich nicht verlieren. Und das ist es doch eigentlich, was wir uns ziemlich oft auch wünschen

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Ein bisschen mehr Selbstliebe? (10.05.2018)

Geht es euch auch so? So oft nehmen wir andere als Geschenk und Bereicherung unseres Lebens wahr. Wir bewundern ihre Schönheit, ihre Tatkraft, ihr Organisationstalent, ihre Ideen und ihre Art, das Leben zu wuppen. Für uns selbst haben wir oft nur Selbstzweifel und Kritik übrig, finden uns dick/zu dünn/zu einfallslos und unseren Alltag eigentlich ziemlich fad. Als Eltern hinterfragen wir uns, ob wir in dieser oder jener Situation richtig gehandelt haben, ob wir unserem Kind und seinen Bedürfnissen gerecht geworden sind und glauben, dass es alle anderen bessere machen. Fühlen uns sowohl dem Job als auch der Familie gegenüber schuldig.

Tägliche Gedankenschleifen und Impulse, die durch den permanenten Optimierungsdruck in unserer Gesellschaft entstehen: Jeder muss noch eine Schippe drauflegen und alle anderen sind gefühlt immer mehr ‚instagramy‘ als man selbst. Fühlt sich meist nicht gut an und macht manchmal ein blödes Gefühl im Bauch und dicke Regenwolken im Herzen.

Warum sich also dem nicht mal bewusst entgegenstemmen und sich selbst mit einer großen Portion Zufriedenheit, Zuneigung und Selbstliebe im Spiegel betrachten: stolz zu sein, auf das, was man tagtäglich tut & wie man aussieht, dem eigenen Handeln zu vertrauen und an sich zu glauben. Zu akzeptieren , dass alle Tage unterschiedlich sind. Die eigenen Ecken und Kanten als Individualität wertzuschätzen und nicht als etwas, das in ständiger Arbeit glatt und rund geschliffen werden muss.

Und was hat das Bild nun damit zu tun? Es stammt noch aus 2015 als wir sechs Wochen mit dem Campingbus durch Europa reisten. Und ich erinnere noch genau diesen Tage. Ich habe mich so zufrieden mit mir und angekommen bei mir selbst gefühlt. Wegen – aber auch trotz – der zwei Kinder und der neuen Lebenssituation zu viert. Damals habe ich verstanden, was eigentlich mit Selbstliebe gemeint ist: sich wertzuschätzen, zu mögen und geduldig mit sich zu sein.
Heute sind diese Erinnerungen mein Regenschirm sobald mal wieder 🌧sichtbar werden. Aber sie dienen mir auch als Kompass, wenn ich manchmal mit zu kritischen Augen auf mich schaue, denn sie sagen mir: Hey, du bist gut wie du bist. ⭐️

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M-Wörter: Für mehr Realität in der Mutterschaft (02.05.2018)

Mutterliebe und Mutterinstinkt: Diese M-Wörter sind so tief in unserer Gesellschaft verankert, dass es zu einer Art Allgemeinwissen gehört, dass ganz sicher jede Frau einen Mutterinstinkt hat und auch Mutterliebe empfindet. Nur die, die irgendwie komisch sind, bei denen ist das nicht so – so zumindest häufig die Annahme.

Aber stimmt das? Hat jede Frau, die Mutter wird, immer schon ‚den‘ einen und einzig wahren Mutterinstinkt und ‚die’ eine und einzig wahre Mutterliebe?!

„Natürlich!!!“ brüllt es einem manchmal aus Elternforen (und Ratgebern) oder auch sozialen Medien entgegen. Da gibt es nicht‘s zu diskutieren. Und wer das tut, ist irgendwie suspekt, vielleicht sogar keine ‚gute Mutter‘ und hat sich das mit den Kindern nicht so richtig überlegt oder hätte vielleicht sogar besser gar keine bekommen (Wir erinnern uns an die Diskussion um regretting motherhood…).

Schaut man sich ein bisschen in der Forschungsliteratur zum Thema Mutterschaft um, dann zeigt sich relativ schnell, dass Mutterliebe und Mutterinstinkt vor einigen hundert Jahren als neue Ideen in die Gesellschaft einzogen, immens mit Bedeutung (Selbstaufgabe! Aufopferung! Hintenanstellen von Bedürfnissen!) angefüllt und dann zu mütterlichen Pflichten erklärt wurden. Häufig habe ich das Gefühl, dass wir uns heute immer noch an diesem Punkt befinden. Schade eigentlich! Denn diese Annahmen von der einzigartigen Mutterliebe und dem naturgegebenen Mutterinstinkt grenzt ja nicht nur Väter (und soziale Mütter, Co-Mütter, nicht leibliche Eltern etc.) auf vielen Ebenen aus, sondern stigmatisiert auch Mütter, die nicht von Geburt an so empfinden oder die Schwierigkeiten haben, in der Mutterschaft anzukommen.

Ich muss bei den M-Wörtern immer an folgende Situation denken: Nach der Geburt unseres ersten Kindes achteten wir in den ersten Lebenswochen sehr darauf, dass es beim Schlafen immer im Beistellbettchen lag und ich es auch nachts nach dem Stillen wieder ‚ordnungsgemäß‘ zurücklegte und nicht bei uns im Bett liegen ließ – vor lauter Angst, ihm die Decke über den Kopf zu ziehen oder es zu erdrücken. Dies veränderte sich nach ein paar Wochen als wir mehr Sicherheit verspürten, das Kind besser kannten und als Eltern ruhiger geworden waren (oder je nach Perspektive: fahrlässiger wurden). Als ich diese Erfahrung dann in einer Runde von Bekannten erzählte, erklärte mir eine andere Mutter, dass ich mir da doch von Anfang an gar keine Sorgen hätte machen müssen. Ich, mit meinem Mutterinstinkt, würde schon merken, wenn etwas nachts mit dem Kind nicht stimmen würde. Das sei naturgegeben. Sicher als Aufmunterung gemeint, fühlte ich mich im ersten Moment als hätte sie mir eine untragbare Last aufgebürdet: War das nun mein Job, immer und überall zu spüren, wann es dem Kind schlecht ging? Würde ich das denn überhaupt können? Was wenn ‚die Natur‘ es an dieser Stelle vielleicht nicht so genau genommen hatte und gerade bei mir mit dem Mutterinstinkt gespart hatte?… Fragen über Fragen…

Da für mich jedoch immer schon das Konzept der ‚Natur‘, die irgendwelche Dinge einrichtet, fragwürdig war, entschied ich mich damals, mir treu zu bleiben: Ich konnte das nicht spüren und kann das auch heute noch nicht. Ich merke so etwas manchmal. Aber eben nicht immer. Denn dieses Kind war auch für mich als Mutter ein neuer Mensch. Obwohl wir in der Schwangerschaft 9 Monate körperlich so eng verbunden waren, musste ich diesen Menschen erst kennenlernen und muss es auch heute oft noch. Musste nach der Geburt, trotz aller Überwältigung, Freude, Rührung und Herzweh, eine – hoffentlich – tragfähige Beziehung aufbauen.

Denn das ist es doch eigentlich, dieses ominöse große Etwas zwischen Mutter und Kind: Es ist eine Beziehung. Und die muss wachsen, darf wachsen, kann wachsen. Bei manchen schnell, direkt nach der Geburt, bei manchen langsamer. Sie holpert manchmal, besteht aus Hürden, Höhenflügen, Verliebtheitsphasen, tiefer Verbundenheit, Abbrüchen, Annäherungen. Aber wir haben in der Regel Einfluss darauf, können sie gestalten, ausgestalten – meist das ganze Leben lang. So wie sie passt. Zu uns, zum Kind, zur Familie. Wenn man uns Zeit gibt und lässt.

 

Deshalb: Mehr Realität in der Mutterschaft. Macht es allen Müttern (und Vätern) leichter. Ganz sicher!

Das ist mein Beitrag zum heutigen weltweiten Maternal Mental Health Day und dem thebluedotproject, die sich für gesundheitliche Belange von Müttern einsetzen und dabei einen besonderen Fokus auf psychische Erkrankungen von Müttern nach der Geburt legt. Diese können durch biologische, psychologische, aber auch soziale Stressoren und fehlende Unterstützung entstehen. Und ich glaube, unrealistische Mutterbilder und überzogene Erwartungen an Mütter sind genau ein Teil dieser Stressoren.

#realmotherhood

#morereality

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Wer stört, fliegt raus. Väter im Kreissaal (26.04.2018)

Auf Janas Hebammenblog habe ich einen Gastbeitrag über Väter im Kreissaal  und was das mit der Gleichberechtigung zwischen Vätern und Müttern zu tun hat, veröffentlicht.

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Milchzahnpubertät?! Zwischen starkem Selbstbewusstsein und haushoher Wut (26.03.2018)

Hört sich das für Euch bekannt an? Zwischen starkem Selbstbewusstsein und haushoher Wut – das sind die emotionalen Zustände, in denen sich das große Kind gerade oft bewegt.

Bereits kurz vor ihrem 5. Geburtstag fing es an, dass sie viele Dinge alleine erledigte und auch bewies, dass sie immer selbständiger wurde: alleine auf Kindergeburtstage gehen, alleine bei Verwandten übernachten, sich alleine anziehen etc. Ihre Witze werden immer witziger, Ironie kann sie oft verstehen und manches Mal anwenden, erste Wörter kann sie schreiben und manches Wort auch ein bisschen lesen. Inneres und äußeres Wachstum sind gerade enorm, so dass man manchmal das Gefühl hat, das Kind, das man morgens weckt, ist doch schon wieder ein bisschen größer, älter und reifer als das, das man abends ins Bett gebracht hat. An vielen Tagen behauptet sie, schon einen Wackelzahn zu haben oder fragt, wann denn endlich die Zähne anfangen würden zu wackeln. Und fast jeden Tag betont sie, dass es ja auch gar nicht mehr so lange dauern würde bis sie in die Schule kommt (…naja 1,5 Jahre sind es dann schon). Insgesamt alles Hinweise auf ein wachsendes Selbstbewusstsein und eine deutliche Autonomie, die uns als Eltern stolz machen und freuen, weil sie uns an vielen Stellen auch Freiheit und Entspannung zurückgeben.

Wären da nicht diese anderen Momente. Das meistens freundliche, kompromissbereite und in der Regel sehr lösungsorientierte Kind wird plötzlich stur wie eine Maulesel, muss unbedingt seinen Willen durchsetzen, lässt keinen Raum für Kompromisse und ist taub gegenüber Erklärungen. Druck wird mit sofortigem Gegendruck beantwortet, aber auch freundliche Besänftigung oder Versuche, Brücken aus der verfahrenen Situation zu bauen, helfen erstmal wenig. Oder es wird in Situationen, die früher nicht mal Beachtung gefunden hätten, plötzlich zum wutschnaubenden Wesen, das uns Eltern seinen ganzen Zorn und seine Unzufriedenheit entgegenbrüllt, sich immer tiefer in die Situationen verstrickt und dann gelegentlich auch aggressiv und handgreiflich reagiert. Wir als Eltern können in den Situationen selten etwas richtig machen. Egal wie wir reagieren, wir werden erstmal in Grund und Boden geschrien.

Es scheint noch anderen Kindern und Eltern so zu gehen – in den kurzen Bring- oder Abholzeiten am Kindergarten höre ich mehrmals Eltern Augenverdrehend raunen, dass sich ihr Kind jetzt bestimmt in der ‚Milchzahn-Pubertät‘ befinde. Auch wenn ich von solchen, irgendwie auch ein bisschen dämlichen Wortschöpfungen wenig halte, verstehe ich doch genau, was gemeint ist. Stimmungsschwankungen, Groß werden und manchmal noch so klein sein, viel wollen, aber doch nicht alles können, sich lösen, aber doch nicht alleine sein wollen, das schwierige Regeln von Nähe und Distanz…

Und ich merke, dass es der ein oder anderen hilft, wenn das, was da gerade passiert, einen ‚richtigen‘ Namen hat. Frei nach dem Motto „Schreck benannt, Schreck gebannt“, denn damit ist das Phänomen nicht nur eingrenzt, sondern auch in seiner Endlichkeit erkannt. „Alles nur eine Phase“, das verspricht doch ein gewisses Maß an Beruhigung. Für mich auch. Geht vorbei und ist sicherlich auch für was gut. Für ihre Entwicklung. Für mein Selbstbewusstsein. Für unsere Mutter-Tochter-Beziehung. Für mein Karma.

Ob das jetzt biochemische Prozesse sind, die sich da in dem kleinen Körper abspielen oder das etwas mit der Hirnentwicklung zu tun hat, ist mir eigentlich relativ egal. Klar ist nur, da ist gerade etwas in ihr heftig am Arbeiten, das wiederum mir bzw. uns heftig Arbeit abverlangt. Denn die Situationen fordern mir, auch wenn sie bisher noch nicht regelmäßig auftreten, doch schon einiges ab. Ich bin froh, dass sie sich bisher im geschützten Rahmen zu Hause abspielten, wo mehr Zeit, mehr Ruhe und weniger ZuschauerInnen vor Ort sind. Da gelingt es mir halbwegs, auch wenn ich so manches Mal gern gebrüllt und mit dem Fuß aufgestampft hätte, ruhig und bestimmt zu bleiben. Grenzen aufzuzeigen, ohne mich abzuwenden. Klar zu machen, dass ich das Verhalten ablehne, aber nicht das Kind als solches. Das ich jetzt auch wütend, verletzt oder irritiert bin, aber dass das nichts an unserer Beziehung ändert. Mich kostet das einiges an Nerven, Schweiß, Anstrengung und viel Zurückhaltung. Ich muss manchmal über mich hinauswachsen, was gar nicht so einfach ist. Muss Gefühle wegdrängen bzw. kleinhalten, um nicht im gleichen kindlichen Muster zu agieren, sondern zu zeigen, dass ich das als Elternteil letztendlich aushalten muss und das auch kann. Zumindest hoffe ich das.

Mit der Selbständigkeit und der Wut kommt aber auch noch etwas Neues: Das große Kind sucht nun in einem Maß Nähe, wie wir es nicht von ihm kennen. Hat es jahrelang bis auf wenige Ausnahmen im eigenen Bett durchgeschlafen, steht es nun immer mal wieder morgens in Tränen aufgelöst vor unserem Bett. Weint, weil es nicht alleine sein will, weil es uns vermisst hat. Kuschelt sich im Bett ganz eng an uns und möchte keinesfalls, dass jemand aufsteht, weil es so gemütlich ist.

So ganz geheuer ist ihm diese Lebensphase mit all ihren Höhen und Tiefen, neuen Kompetenzen und aufwühlenden Gefühlen offenbar auch nicht. Es scheint manchmal auch nur Spielball der eigenen, widerstreitenden Gefühle zu sein. Und das verlangt ihm wohl auch einiges ab. Dann werden wir das jetzt wohl zusammen durchstehen müssen. Denn die innerlichen Wachstumsschmerzen haben wir offenbar beide.

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Kranke Kinder – oder der Moment, wenn die Vereinbarkeit flöten geht

(06.03.2018)

Vereinbarkeitsmäßig sind die meisten Paare mittlerweile gut aufgestellt. In befreundeten Familie, in denen beide Elternteile arbeiten gehen, hat fast jede Familie ihr ganz eigenes Arrangement gefunden. Es ist gut austariert, wer wann wie und wo arbeiten geht, wer Kinder bringt und wer sie holt, wer die Einkäufe macht, wer für welche Freizeitaktivitäten zuständig ist und wer die Kinder wann ins Bett bringt.

Die konkrete Verteilung der Aufgaben ist in der Regel für alle Paare höchst individuell und damit sehr unterschiedlich und muss nicht zwangsläufig aus der Aufteilung 50/50 bestehen. Aber meistens ist egal, wie gut dieses Gefüge austariert ist, spätestens in einem Fall bricht es zusammen: Das Kind bricht, hustet, schnieft, hat klebrige dicke Augen oder ähnliche unschöne Dinge. Sofort funktioniert das feingesponnene Netz an familiärer Aufteilung für die meisten nicht mehr. Besonders wenn beide ihren Job wirklich gerne machen und sich in diesem Bereich sehr verantwortlich fühlen. Oder wenn beide in Arbeitsstrukturen unterwegs sind, die nicht sehr familienfreundlich sind und man für Kinder-krank-Tage schief angeschaut wird. Hektische Umplanungen, große Diskussionen über anstehende Aufgaben und Verantwortlichkeiten und nicht selten auch Ärger oder Wut über die Situation setzen ein. Wenn’s blöd läuft, stehen sich zwei, die eigentlich am gleichen Strang ziehen, in größter Unnachgiebigkeit gegenüber – nur um beim kleinsten Blinzeln den ‚Gegner‘ zu besiegen. Es entzündet sich dann alles an der großen Frage: Wer kann auf die Arbeit gehen, seine Termine und Deadlines einhalten, muss sich nicht schon wieder entschuldigen und wer kümmert sich zu Hause ums kranke Kind? Kranke Kinder – für viele der Super-GAU und meistens der Moment, an dem die Vereinbarkeit flöten geht.

Vereinbarkeit – ein Wert nach dem wir heute so häufig streben

Nachdem auch ich strebe. Den ich so wichtig finde, privat, gesellschaftlich. Und der so schwierig ist. Denn natürlich ist es so, dass sich unsere Gesellschaft in den letzten 20 Jahren so viel weiter entwickelt hat, dass wir als Eltern und insbesondere wir als Mütter überhaupt die Muße, die Traute und die Lust haben, darüber nachzudenken, dass Elternschaft und Beruf vereinbar sind, vereinbar sein sollten, vereinbar sein müssen.

Aber immer wieder wird suggeriert, dass es nur eine Frage einer guten sozialstaatlichen Organisation ist, dass sich Elternschaft – insbesondere Mutterschaft – und Beruf vereinbaren lassen. Es müsse nur genügend Kindergärten geben. Und U3-Betreuungsmöglichkeiten. Und zwar wohnortsnah und mit ausreichend langen Öffnungszeiten. Und Arbeitgeber und -geberinnen müssen die Phase der Elternschaft nur unterstützen indem sie die Möglichkeit für Homeoffice, Teilzeitarbeit, Gleitzeit etc. ermöglichen. Ja, das sind alles zweifelsohne wichtige Punkte. Dennoch: Das ist nicht alles. Denn im Krankheitsfall prallen doch häufig zwei verschiedene Ansprüche aufeinander, die das Ganze zusätzlich erschweren und eine Vereinbarkeit fast unmöglich machen. Einerseits der Anspruch, eine gute Mutter (oder eben Vater) zu sein und sich voll und ganz auf das Kind einzulassen. Und andererseits der Anspruch, eine gute Arbeitnehmerin/Selbständige/Unternehmerin sein und immer mit 100% hinter der Arbeit zu stehen. Und das geht dann, im Krankheitsfall, doch nur bedingt zusammen. (Und wird – auch aufgrund des hohen gesellschaftlichen Anspruchs an gute Mütter – häufig zu Ungunsten der Mutter entschieden)

Die letzten Tage – Augen öffnen

Grund warum ich da noch mal drüber nachdenke: Auch uns hat es erwischt. Heute, gestern, vorgestern und auch schon zwei Tage davor. Ein richtig krankes Kind und ein angeschlagenes. Und wir Eltern sind auch noch nicht wieder gesund, bzw. gerade am Krankwerden. Und auf der Arbeit straffe Zeitpläne. Ungute Mischung. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wird klar, dass hier was richtig schief läuft. Ich bin aber noch blauäugig genug zu denken, dass ein bisschen gemeinsame Ruhe bei den Kindern alle Probleme löst. Das fiebernde Kind bietet mir großzügig einen Platz unter seiner Decke an. Ich liege unbequem, bin schweißgebadet und zu müde, um an der Situation was zu ändern. Der Schlaf in den nächsten zwei Stunden ist unruhig, das Pipi-Malheur der Kleinen nutzen wir zum Umzug ins große Bett. Geschniefe, Gehuste, Forderungen nach mehr Sprudelwasser, mehr oder Decke werden laut und sorgen für den typischen ‚Stundenschlaf‘ von Eltern mit kranken Kindern. Wir wachen am nächsten Morgen wie gerädert auf. Vor mir liegt zwar ein Tag mit viel Arbeit, aber ohne feste Termine, so dass ich anbiete, mit beiden Kindern zu Hause zu bleiben. Innerlich knirsche ich allerdings mit den Zähnen. Die folgenden Stunden sind eine Aneinanderreihung von Kuscheln, Vorlesen, Film schauen und Trösten – dem einen Kind geht es so schlecht, dass ich mich nicht aus dem Sichtfeld bewegen darf. Aber ich beschließe an diesem Tag, dass dies jetzt auch einfach mal okay ist: Dass die beiden mich jetzt brauchen, dass es heute mein Job ist, für sie da zu sein und dass dabei keine Zeit für anderes ist. Dem gemeinsamen Rumlümmeln mit trägen Kindern auf der Couch bei Hörspielen und Fernsehen kann ich durchaus auch einige positive Seiten abgewinnen. Und ich freue mich, dass schon meine bloße Anwesenheit beiden hilft und ich gar nicht so viel tun muss. Und während des Mittagsschlafs der Beiden bin ich so fit, dass ich Muße und Zeit habe, ein paar Gedanken zum Workshop aufzuschreiben. Am Ende des Tages merke ich, dass ich den Tag als deutlich entspannter und letztendlich auch produktiver empfand als manchen Tag an dem ich den festen Vorsatz hatte, mit krankem Kind etwas arbeiten zu können – was dann in der Regel nicht klappte. Nach dem etwas entspannteren Wochenende haben wir nun auch den Montag gut gemeistert, in dem wir den Tag hälftig aufgeteilt haben: Jeder hatte einen halben Tag Zeit zum arbeiten und einen halben Tag, um Kinder zu betreuen und selbst ein bisschen auszuruhen.

Was ich gelernt habe: Loslassen und akzeptieren

Es ist wie immer im Leben: Manchmal hilft einfach nur noch loszulassen und Situationen zu akzeptieren. Das Loslassen von Ansprüchen, das Loslassen von der Idee, dass immer alles auf einmal geht und das Loslassen des Wunschs, dass Vereinbarkeit von Beruf und Kind auch im Krankheitsfall mal eben so zu wuppen ist. Ist es nicht. Das geht immer zu Lasten einer Seite und führt in der Regel zu einer hohen Unzufriedenheit. Das macht die Situation mit krankem Kind zusätzlich nicht einfacher (und das Kind wird auch nicht schneller gesund).
Deutlich besser ist eine klare partnerschaftliche Absprache, wer wann zuständig ist (ggf. hilft es auch, sich zu notieren, wer wann zuständig war, um dass nicht immer einseitig zu entscheiden oder gemeinsam eine generelle Regelung zu treffen). Und dann zu akzeptieren, dass in dieser Zeit nur eines von beiden geht: Beruf oder krankes Kind. Und letztendlich zu wissen: Es kommen auch wieder die Zeiten, in denen Beruf und Kinder durchaus vereinbar sind.

Und heute? Heute passt der Opa auf, hat er gestern spontan angekündigt. Sehr nett!!!

 

 

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Kindergeburtstage sind die Hölle?🤖👾 (22.02.2018)

Die letzten Teller sind gespült, der übrig gebliebene Kuchen im Kühlschrank verstaut, die letzten Krümel schon weggefegt. Nur die Girlanden und die Blumensträußchen zeigen noch, dass hier heute ein Geburtstag gefeiert wurde.
KINDERgeburtstag, um genau zu sein. Kindergeburtstage? Sind das nicht immer die Veranstaltungen aus der Hölle? Bei denen zu viele Kinder vor Ort sind, zu viel Zucker essen, zu viele Spiele spielen, zu viel Quatsch machen und dann am Ende zu viel schlechte Laune habe? Und drei Kinder in Endlosschleife heulen, inklusive Geburtstagskind.
Vielleicht.
Aber Kindergeburtstage sind doch auch: eine Chance, dem Kind zu zeigen, wie besonders es ist, dass jedes Jahr mehr Lebenserfahrung gefeiert werden darf, eine Gelegenheit, um Freunde zu treffen und von Herzen gefeiert zu werden. Um geliebt und beschenkt zu werden – im materiellen wie nicht-materiellen Sinne. Wichtig zu sein, im Mittelpunkt zu stehen und älter zu werden.
Und Kindergeburtstage sind doch auch für Eltern so viel mehr. Sie sind die Gelegenheit, um sich als Eltern noch mal klar zu machen, was für ein wunderbares, aufregendes und vielleicht auch manchmal furchtbar anstrengendes und müdemachendes Jahr mit diesem Kind hinter einem liegt. Sie zeigen, dass man wieder ein Jahr Arbeit geleistet hat, meistens gut, mit Hingabe und einem gewissen Maß an Selbstaufgabe. Mit Humor und Vergnügen und manchmal auch einfach nur so schlecht, dass man den eigenen Ansprüchen nicht gerecht wurde und alles versuchte, um das doch endlich besser hinzubekommen.
Grund genug, an diesem Tag auch sich selbst als Eltern mal ein bisschen anerkennend und wohlwollend auf die Schultern zu klopfen, finde ich. (Und mit dem verdienten Glas Sekt schläft es sich dann auch besser nach der ganzen Aufregung  )

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Jedes Kind kann schlafen lernen! Meins auch! (10.02.2018)

Über Schlaf und Kinder wird viel geredet, gestritten, geschrieben und diskutiert. Kinder sollen schlafen, können schlafen, müssen schlafen, wollen schlafen. Oder auch nicht. Aber Eltern brauchen Schlaf. Viel. Sehr viel. Schon nach wenigen Wochen erzählen entweder junge Eltern ganz stolz wie viele Stunden ihr Säugling schon am Stück schläft oder man sieht ihnen sehr bald an, dass er genau das nicht tut.
Kaum eine ‚small-Talk‘-Gelegenheiten wird ausgelassen, um junge Eltern einerseits nach der Ernährung („Hat sie schon einen Still-Rhythmus?“) und andererseits nach dem Schlaf zu fragen („Schläft er schon durch?“)… Als Eltern kennt ihr das sicherlich.

Wir gehörten zu den Eltern bei denen das erste Kind anfangs ganz in Ordnung und nach dem ersten Jahr relativ ‚Eltern-bedürfnisgerecht‘ geschlafen hat: 11-12 Stunden zu annehmbaren Uhrzeiten, wenige Unterbrechungen und immer im eigenen Bett.
Das zweite war dann – schlafmäßig – die gefühlte 180-Grad-Wende. Mit Abhang. Und ohne Bremse. Viele Unterbrechungen zum Trinken, zum Windelwechseln, zum Trösten, zum Beruhigen. Es dauerte knapp ein Jahr bis es überhaupt mal die allererste Nacht durchschlief. Ansonsten waren die Nächte in viele kleine Einheiten zerstückelt, in denen man sofort in den Tiefschlaf fiel, sobald das Kleinkind endlich schlief bzw. wieder eingeschlafen war. Dazwischen lernte man, was die schönen Worte ‚in den Schlaf begleiten‘ im wahrsten Sinne des Wortes bedeuten konnten und das man auch mehrmals pro Nacht ‚begleiten’ konnte. (Unsere Augen bekamen ganz neue Konturen und ich begann ‚Anti-Wrinkle‘-Augen-Creme zu benutzen —> half nichts, by the way).
Wir beneideten alle, bei denen die Kinder „ganz alleine“ einschliefen und kamen immer wieder an den Punkt, an dem wir uns fragten, ob wir was falsch gemacht hatten, bzw. wurden wir auch immer mal wieder mehr oder weniger dezent gefragt, ob wir das Kind nicht zu sehr verwöhnen würden. Tja nun- keine Ahnung! Wir haben es so gemacht, wie wir es für richtig hielten. Und beispielsweise ein Schlaflernprogramm, dass darauf abzielte, Babys und Kindern zu beweisen, das man als Erwachsener die Macht besitzt, zu entscheiden, wann man tröstet und wann nicht, schien uns wenig geeignet, um einem ‚nachtnervösen‘ und alptraumgeplagten Kind, das nötige Vertrauen einzuflößen, dass man eine Nacht alleine und im Dunklen gut überstehen kann. Eine gute Lösung war dann schon mal, dass das Kind beim ersten Mal Wachwerden in unser Bett umziehen durfte – so konnten alle deutlich schneller wieder in den heiß ersehnten Schlaf fallen. Die Nacht fühlte sich nicht mehr ganz so zerstückelt an. Darauf folgten allerdings ziemlich viele Unkenrufe, dass das Kind mindestens noch bis 12, bis 15 oder gar bis 18 in unserem Bett schlafen wollen würde. (Ernsthaft, glaubt ihr das? Welches kognitiv und körperlich gesunde Kind möchte das? Auf Dauer?) Aber es war uns egal, denn wie schon geschrieben: Eltern brauchen Schlaf. Viel. Sehr viel. Besonders die mit den dunklen Augenringen.
Und nun: einige Wochen nach seinem dritten Geburtstag passierte das Unglaubliche. Das Kind schlief plötzlich 5 Nächte am Stück durch. Im eigenen Bett. Wir waren völlig geplättet. Seit dem schläft das Kind meistens im eigenen Bett, muss in manchen Nächten noch mal begleitet werden und wandert manchmal zu uns. Alles wird gut und vor allem ist es deutlich mehr als wir uns zwischenzeitlich jemals erträumt hätten.

Fazit? Jedes Kind kann schlafen lernen. Manchmal dauert es nur etwas länger.

Gut getan hätte zwischendurch vielleicht ein Schlafcoaching: Ein Gespräch mit einer erfahrenen und professionellen Person, die uns in dem bestärkt, was wir tun und vielleicht noch Tips und Kniffe auf Lager hat. Vor allem aber eine, die die eigene Lage gut versteht. (Pssst, kleiner Tipp hier in der Gegend: z.B. Schlafcoaching Bianca Niermann).

Eine gute und ruhige Nacht!

#Lalelu #derpandakannsprechen #istnureinephase

Foto: Carlo Navaro/unsplash

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Eltern-Bashing nervt (05.12.2017)

Seit einigen Jahren lässt sich in den Medien, aber auch im Alltag vermehrt ein Phänomen feststellen, dass sich mit dem Begriff des ‚Eltern-Bashings‘ beschreiben lässt. Kübelweise Häme und Kritik wird über (frisch gebackenen) Eltern ausgekippt, vorzugsweise Mütter sind Zielgruppe  des Tratsches:
Rabenmütter, Tigermums, Fördereltern, Ego-Mums, Stilltanten, Helikoptereltern um nur mal einige Begrifflichkeiten zu nennen. Das Erziehungsverhalten und alle anderen Elterntätigkeiten stehen ständig im Fokus des öffentlichen Blicks. Richtig machen können Mütter und Väter derzeit in den Augen vieler offenbar nicht so richtig viel: sie ernähren ihr Kind zu viel/zu wenig bio, sie fördern ihr Kind zu viel/zu wenig, sie stillen zu lang/zu kurz/gar nicht, sie besuchen zu viele/zu wenige Angebote, sie setzen zu wenige/zu viele Regeln… Die Liste an Vorwürfen ließe sich endlos weiterführen.

Eltern-Bashing ist in, Eltern-Bashing ist hip. Und: Eltern-Bashing nervt gewaltig. Denn es ist zwar einfach, Eltern permanent zu kritisieren, gerechtfertigt ist es jedoch meistens nicht – denn wie neuere Studien zeigen, leisten Eltern in der Regel gute Arbeit, so kann beispielsweise der Rückgang an kindbezogener Gewalt als Erziehungsinstrument durch die Eltern als Indiz für eine bedürfnisorientierte Beziehung von Eltern zum Kind gelesen werden. Zwar ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Eltern mitunter komische Dinge tun und zuweilen extrem verunsichert sind, jedoch kommt dieses Chaos nicht von ungefähr, wenn man sich die Rahmenbedingungen heutiger Elternschaft anschaut.

Off the beaten tracks – Eltern in der Multioptionsgesellschaft

Die meisten derjenigen, die derzeit kleine Kinder haben, gerade schwanger sind oder sich an der Erfüllung ihres Kinderwunschs probieren, gehören einer Generation an, die nicht mehr im engen Korsett gesellschaftlicher Vorgaben steckt, das noch für ihre Eltern und Großeltern galt. Durch vielfältige sozio-ökonomischen Umbrüche, die u.a. durch die (wieder) zunehmende Anerkennung der Berufstätigkeit von Frauen zum Ausdruck kommen, verfügen sie über deutlich mehr Freiheiten das eigene (Familien-)Leben zu gestalten. Ganz anders noch als die eigenen Eltern, die zumeist das traditionelle Familienmodell lebten – Mutter sorgt sich um Haus und Kinder und Vater ums Einkommen, leben viele der heutigen Eltern anders. In der derzeitigen Multioptionsgesellschaft geben sie sich nicht einfach mit dem zufrieden, was die Generation vor ihnen schon immer gemacht hat, sondern hinterfragen viel und begeben sich gerne mal abseits der ausgetretenen Pfade, um eigene und individuelle Lösungen zu finden. Denn das an sie gerichtete große Versprechen der heutigen Welt lautet: Alles ist machbar – mit nur ein bisschen Mut, Zielstrebigkeit und Glück.

Der Preis dieser Gestaltungsfreiheit? Der immense Druck, alle Möglichkeiten zu ergreifen und dabei erfolgreich zu sein. Und dabei wird es verzwickt, denn auch wenn die heutigen Eltern häufig ausgetretene Pfade verlassen (dürfen und können), zeigt sich, dass die alten Erwartungshaltungen an Mütter, Väter und Familie durchaus noch gesellschaftliche Gültigkeit haben und damit für Eltern Leitplanken darstellen, die sie in ihrem täglichen „doing family“ (Jurczyk 2014) nicht ignorieren können. Vier Bereiche, in denen unter anderem solche Leitbilder bestehen, wollen wir im Folgenden aufzeigen.

Supermums and Superdads – überzogene Elternbilder

In den 1950er Jahren definierte sich Mutterschaft über die Zuständigkeit für die drei großen K: Kinder, Küche, Kirche. Der Vater übernahm währenddessen den Job des Haupternährers und des Oberhaupts der Familie: Bis 1958 besaßen Männer das Bestimmungsrecht für Frauen und Kinder, bis 1962 durften Frauen nicht ohne Zustimmung ihres Ehemannes ein Konto eröffnen, Frauen durften bis 1977 nur mit Zustimmung des Ehemannes arbeiten und bis 1997 war Vergewaltigung in der Ehe kein Straftatbestand. Aus heutiger Perspektive unglaublich! Zwar wurde an diesen äußerst einseitigen Elternbildern in den letzten Jahren – glücklicherweise – ordentlich gerüttelt. Dennoch stellt die heutige Dynamisierung der Geschlechterpositionierungen Eltern aber auch vor neue Herausforderungen. Denn: Von Müttern wird finanzielle Unabhängigkeit erwartet. Sie sollen mindestens in Teilzeit, besser noch in Vollzeit erwerbstätig sein (‚working mum‘). Dies mindert jedoch nicht den gesellschaftlichen Anspruch daran, dass Mütter möglichst viel Zeit mit den eigenen Kindern verbringen sollen (‚24/7-Mum‘). Und zwar nicht nur morgens vor dem Wegbringen der Kinder und abends in der kurzen Zeitspanne zwischen Abholen aus der Betreuungseinrichtung und dem Ins-Bett-bringen – denn dann riskieren sie das Etikett der ‚Rabenmütter‘. Das Problem an der Sache: Die Präsenzkultur beider Bereiche. Diese „doppelte Vergesellschaftung“ (Becker-Schmidt 2008) von Frauen in Familie und Beruf ist mittlerweile zur gesellschaftlichen Norm geworden (Thiessen/Villa 2008), wobei sie in Abhängigkeit des Alters des Kindes schwankt und sorgt dafür, dass Mütter immer weniger Zeit für sich selbst haben, weil sie zwischen diesen Bereichen aufgerieben werden, sondern dass sie auch noch von einem schlechten Gewissen geplagt werden, weil sie ständig das Gefühl haben, dass sie einem der Bereiche nicht gerecht werden. Während für Väter weiterhin eine außerordentlich starke Berufsorientierung und teilweise die Erwartung gilt, möglichst viele Überstunden zu machen, existiert seit einigen Jahren jedoch auch die gesellschaftliche normative Handlungserwartung, dass Väter nicht nur die Familienernährer sind, sondern sich auch um ihre Kinder kümmern, sich Zeit nehmen und partnerschaftlich im Haushalt helfen. Der „aktive Vater“ wird in den Medien seit einigen Jahren als ‚Superheld‘ gefeiert – by the way: dies geschieht ungeachtet der Tatsache, dass die Hauptlast des Haushaltes und des Kümmerns um die Kinder weiterhin von den Müttern geleistet wird. Somit sehen sich auch Väter, wenn auch noch nicht in den gleichen Dimensionen wie Mütter, den Anforderungen dieser doppelten Präsenzkultur gegenüber.

Das bisschen Haushalt…

Hinzu kommt noch, dass mit der Geburt eines Kindes vielfach die eigentlichen Vorstellungen des Zusammenlebens auf den Kopf gestellt werden. Viele der bisher sehr partnerschaftlich und gleichberechtigt eingestellten heterosexuellen Paare organisieren sich aus diversen Gründen für das erste Jahr ziemlich traditionell: Die Frauen kümmern sich ausschließlich um die Kinder, während die Männer mehr oder weniger Vollzeit arbeiten. Ausgenommen ist die erste Zeit nach der Geburt, in der viele Väter fast schon standardmäßig einige Wochen Urlaub oder Elternzeit nehmen. Die Kürze der ausschließlichen Familienzeit schadet den Vätern nicht: Viele Personaler*innen in Unternehmen nehmen ausschließlich Frauen mit kurzer Elternzeit als egoistisch und unsympathisch bzw. als „Rabenmutter“ wahr, so Jutta Allmendinger (2017) vom Wissenschaftszentrum Berlin. Männer bekämen für die gleichen Zeitspannen stattdessen Anerkennung von Vorgesetzten und Kolleg*innen. Die sich in der Regel anschließende Arbeitsaufteilung in der Familie führt häufig dazu, dass die so genannte ‚Traditionalisierungsfalle‘ zuschnappt: Beide spezialisieren sich in den Systemen Erwerbsarbeit und Familienarbeit so stark, dass Frauen die Berufsrückkehr und dem Mann die Fürsorgearbeit schwerfällt und vielfach auch Konflikte vorprogrammiert sind. Problematisch sind jedoch nicht nur die paarinternen Traditionalisierungen, sondern auch die traditionellen Vorstellungen, die sich immer noch durch die Strukturen von Arbeitswelt und Sozialsystem ziehen. Auf dem Arbeitsmarkt beispielsweise sind  Geschlechterungleichheiten vorhanden: Noch immer verdienen Frauen auch im gleichen Job weniger als ihre männlichen Kollegen. Wenn Paare sich haushaltsökonomisch entscheiden, wer die Auszeit aus dem Beruf nimmt, dann sind es in der Regel die Frauen, die, weil gering verdienender – zumindest vorübergehend – aussteigen. Das führt häufig dazu, dass die Unzufriedenheit auf beiden Seiten steigt: Mütter sind meist viel länger und viel mehr Hausfrau als sie das eigentlich wollen, oder bekommen zu wenig Aufstiegsmöglichkeiten, Väter tappen in die Vollzeitfalle, obwohl sie es sich statistisch gesehen anders wünschen, und haben noch weniger Zeit für Familie. Viele Paare leben demnach nicht das Modell, das sie sich eigentlich vorgestellt haben: Ein ewiger Streitpunkt, der Partnerschaft zermürben kann – und der viele Frauen im Alter arm macht, da sie deutlich weniger in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen.

Happy Family

Ein weiteres Ideal der modernen Familie ist das des glücklichen (Eltern-)Paares. Die Partnerschaft soll, direkt nach Familienzuwachs, nicht nur glücklich sein, sondern weiterhin folgende Anforderungen erfüllen: Sie soll zugleich Freundschaft und Rückzugsort sein und immer mit Vertrautheit und sexueller Leidenschaft gefüllt sein – ganz egal wie die Umstände (und Nächte mit Kleinkind) sind. Hämische und irritierte Fragen von Nicht-Eltern nach dem Dauerstillen oder dem „Familienbett“, die (angeblich) jegliche sexuelle Zweisamkeit im Keim ersticken, führen nicht selten dazu, dass Eltern das Gefühl haben, einerseits eine stark bedürfnisbezogene Elternschaft zu führen und anderseits nach außen permanent beweisen zu müssen, dass sie sich als Paar nicht verloren haben. Nicht einkalkuliert wird von vielen, dass sich insbesondere in der ersten Phase mit Kleinkind auch die Partner wieder neufinden müssen, wenn sie plötzlich nicht mehr nur ein eingespieltes Paar sind, sondern nun auch als Eltern handeln und ggf. nicht immer am gleichen Strang ziehen. Erst nach der Geburt, wenn die Romantisierung der Elternschaft durch Schlafentzug, Schreiphase und/oder Stillschmerzen und/oder Abpump-Stress überlagert wird, versteht vermutlich die eine oder der andere, warum es Kurse mit dem Titel „Eltern werden – Paar bleiben“ gibt und diese für viele Eltern durchaus sinnvoll sein können.

Nur das Beste! Begleitung der kindlichen Entwicklung

Auch in Bezug auf die kindliche Entwicklung und dem Anteil der Eltern daran, existieren zwei große Ideale. Zum einen gibt es die ‚Bullerbü-Idee‘, bei der Kinder ganz frei, wild und möglichst ohne Leistungsdruck groß werden können. Zum anderen gibt es das Leitbild der Entwicklungsförderung: Kinder sollen in ihrer Entwicklung optimal gefördert und begleitet werden, um keine Entwicklungseinschränkungen in Kauf zu nehmen. Was das konkret bedeutet, bleibt jedoch in der Regel sehr vage und beschäftigt letztendlich viele Eltern (und mittlerweile auch Großeltern). Vielfach unterscheidet es sich auch je nach Elterngruppen und -milieus. Wir alle kennen diese Fragen und haben uns die ein oder andere als (werdende) Eltern bestimmt schon einmal gestellt: Sollte ich mit meinem Baby direkt mit sechs Monaten einen Pekip-Kurs besuchen? Braucht mein Kind musikalische Früherziehung? Sollte ich mein Baby zum Einschlafen schreien lassen? Sollten meine Kinder zum Babyschwimmen und später zum Kinderturnen, Reiten, Yoga etc. gehen, oder ist das nicht wichtig? Verhätschel ich mein Kind mit ‚feeding on demand‘? Sollte man einen Kindergarten wählen, der bereits englische Angebote integriert oder zumindest einen besseren Personalschlüssel hat? Oder ist eine integrative Kita die bessere Option? Und: Ernähre ich, bzw. die Kita mein Kind ausreichend gesund und vollwertig? Gleichzeitig haben wir alle innerlich auch schon mal die Augen verdreht, wenn uns andere Eltern von der Fülle an Kursen berichten, die ihr Kind besucht und sie die vielfältigen Erziehungsideen (und -ideologien), an denen sie sich orientieren, erklären. Dieses aufs Kind bezogene „impression management“ (Goffman 1959) nervt, auch unter Eltern. Und deutlich wird: Egal wie man sich entscheidet, der Druck wird nicht weniger. Denn andere machen es anders und das könnte vielleicht besser sein. Die gesellschaftlichen Leitbilder erzeugen Druck, aber die ‚ernsten Spiele des Wettbewerbs‘ (Bourdieu 1997) mit anderen ebenfalls. Denn auch wenn wir innerlich die Augen verdrehen, kommen wir natürlich trotzdem ins Grübeln, ob wir es nicht genauso machen sollten. Diese Verunsicherungen werden darüber hinaus durch die massive ‚Verwissenschaftlichung‘ von Elternschaft unterstützt. Unmengen an pädagogischem, psychologischem und medizinischem Wissen wird permanent – für den Hausgebrauch – in Form von Ratgebern aufbereitet und suggeriert Eltern lautstark und plakativ, dass es notwendig ist, dieses zu lesen, wenn sie alles richtig machen möchte. ‚Gute‘ Elternschaft bedeutet dann, sich zu informieren und zu lernen. Genau dies zu tun, kann aber gleichzeitig wieder gegen Eltern verwendet werden, da sie dann zu „verkopft“ handeln und sich nicht auf ihr Bauchgefühl verlassen.

Vom (Optimierungs-)Druck..

Aus diesen vielfältigen, normativen und in sich widersprüchlichen Leitbildern und Idealen von Elternschaft entsteht für Eltern eine permanente Zerrissenheit. Denn vor lauter Sorge, abgehängt zu werden und nicht genug für ihr Kind zu tun, versuchen sie sich an der sprichwörtlichen Quadratur des Kreises und bemühen sich, möglichst vielen Ansprüchen gerecht zu werden. Da dies nicht funktionieren kann, scheitern heutige Eltern permanent an eigenen und fremden Ansprüchen, bzw. sind ständig vom Scheitern bedroht. In ihrem Streben tragen sie sicherlich unbewusst manchmal zu den normativen (Optimierungs-)Ansprüchen bei, deren Urheber*innen sind sie jedoch nicht. Eltern-Bashing nervt also nicht nur, sondern ist auch ungerecht: Eltern versuchen nur – auf die ihnen jeweils ganz eigene und häufig auch  milieuspezifische Art das Beste für ihr Kind zu erreichen. Manchmal schießen sie dabei etwas übers Ziel hinaus – dramatisch ist das aber nicht.

Dieser Artikel entstand gemeinsam mit Eva Tolasch-Marzahn von Family Concierge und erschien am 05.12.2017 bei Edition F.

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